Milde Hartnäckigkeit

Marcel Lefebvre ist mit einer gesunden Urteilskraft ausgestattet, er ist sehr selbstsicher, und sein eiserner Wille, seine enorme Energie, seine beständige Ruhe vervollständigen das Bild eines kraftvollen Mannes.

Zu seiner Kraft kommt die Milde. Marcel Lefebvres Milde ist sprichwörtlich, eine demütige Milde mit einem Hauch von Schüchternheit. Daß er eher kleinlaut ist, führt zu Mißverständnissen: in Lambarene hält man ihn für den Bruder. In Dakar wird er sicherer. „Er hätte ein schüchterner Mensch werden können, der nichts tut, aber das Gegenteil ist der Fall. Er schuftet. Wie macht er das?“ staunt sein Generalvikar.

Vertraut mit den Großen wie mit den Kleinen

Sein Bruder Michel, der ihn im Senegal besucht, bemerkt, daß er „mit den Regierenden vertraut ist“, und später auch „mit den Aristokraten, deren Konventionen er kennt und über die er sich amüsiert“. „Mit letzteren fühlt er sich am wohlsten, er ist ihnen nahe, hört ihnen zu, fühlt sich nie gehemmt.“[1]

Bei Tisch in Ecône beobachtet Pater Dubuis, daß „er mit einem Erzherzog genau derselbe ist wie mit einem Klempner, ebenso liebenswert, ebenso zugänglich.“ „Ich habe das gesehen“, sagt Pater Dubuis, „und es hat mich sehr verblüfft und ich habe ihn sehr bewundert; er war derselbe, da war nicht Gezwungenes, es war sehr seelsorglich.“[2]

Keiner konnte wie er einen geistlichen Toast am Ende eines feierlichen Mahles aus Anlaß einer Weihe aussprechen.

Wenn Marcel Lefebvre sich verhärtet

Es gibt Zusammenkünfte, in denen dieser Mann des Dialogs sich verhärtet und unerbittlich wird: angesichts falscher Geister oder angesichts von Freidenkern wird er zum „Mann der Reaktion“. Dann kommt es zu einem ein wenig lebendigeren Wortwechsel mit einem Mann, der hartnäckig bei seiner Meinung bleibt; manchmal geht es so weit, daß aus Verzweiflung oder aus der Unannehmlichkeit heraus, sich zu erklären, Offensichtliches geleugnet wird: dann zeigt er auch Mängel in all seinen Eigenschaften, oder eher eine übergroße Hartnäckigkeit.

Wenn Prinzipien unverbesserlich geleugnet werden

Er hat zu sehr ein Gefühl für die Vergeblichkeit jeglicher Diskussion, wenn vom Gesprächspartner ein grundsätzliches Prinzip geleugnet wird. Darüber hinaus findet er es unvereinbar, wenn ein Wissenschaftler (sein Mitschüler Georges Leclerc) oder ein Prälat (Kardinal Ratzinger) der Doktrin widerspricht. Über allem anderen aber steht sein tiefer Respekt vor den Trägern der Autorität, ein großer Respekt vor dem anderen als Zeichen einer großen Nächstenliebe, die das Gegenteil der Menschenverachtung ist.

Vor allem: keine Demütigung

Seine große Sorge ist es, den Nächsten nicht zu demütigen, und daraus entsteht in den persönlichen Beziehungen eine Schwierigkeit, sich auszudrücken, wenn die jeweiligen Worte eine Herabwürdigung eines anderen bedeuten könnten. Es ist bewundernswert, wie diese hartnäckigste Selbstsicherheit und die feinfühligste Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber zu einer Einheit werden. Beides zusammen formt ihn zu einer anziehenden Persönlichkeit, welche Vertrauen und Freundschaft einflößt, selbst bei denen, die seine Ansichten nicht teilen: „Oh, wie war ich diesem Menschen doch verbunden“, sagt sein irischer Mitbruder, Pater Michael, O’Carroll; „und ich bin es nach wie vor!“

Einigen gelingt es nicht, diese beiden Aspekte der Persönlichkeit Erzbischof Lefebvres zu verbinden: „Ihre Milde ist hart“, sagte ihm Jean Guitton, Mitglied der Académie Française kurz vor den Weihen von 1988. Andere urteilten: „Er ist hochmütig!“ – „Nein“, antwortet Pater Louis Carron (der sich auch an ihm reiben mußte), „er ist persönlich sehr demütig, seine Doktrin aber ist hochmütig – eine Formel...“ Eine gute Formel! Marcel Lefebvre ist kein Liberaler, er weiß die Wahrheit mit Liebe zu verteidigen. Seine Liebe und seine Kraft kommen vor allem aus der höchst lebendigen Begeisterung, als er zwanzig Jahre alt war, aus jener Fackel, die er in Santa Klara bekam, deren Flamme ihn verzehrt und die er weitergeben muß.

  • 1. Zeugnis von Michel Lefebvre, Bruder Erzbischof Lefebvres, ebd., S. 609.
  • 2. Zeugnis von Pater Louis-Olivier Dubuis, ebd., S. 608 ff.