Leben in Gemeinschaft

Einen Monat später, am 12. November, erzählt er ihnen vom Plan einer Gesellschaft, die er eventuell gründen könnte, damit sie zusammenbleiben könnten, wenn sie Priester geworden seien. „Bleiben wir zusammen, zerstreuen Sie sich nach Ihrer Weihe nicht in ihre modernistischen Diözesen! Es soll eine Gesellschaft mit gemeinschaftlichem Leben, Gebet und Apostolat sein.“[1] Er erinnert sich an sein Projekt in Tulle: die jungen, in Armut lebenden, isolierten und entmutigten Priester der Corrèze zusammenzufassen.

  • 1. Im kanonischen Recht findet sich ein ganzes Kapitel über Gesellschaften mit gemeinschaftlichem Leben ohne Gelübde, CIC 1917, can. 673–681

Es wird eine Priesterbruderschaft apostolischen Lebens. Sie ist ganz auf das Messopfer konzentriert, auf alles, was darauf vorbereitet, und auf alles, was daraus hervorgeht. Ihr Ziel soll die Ausbildung künftiger Priester in Seminaren sein, sodann die Heiligung der Priester durch Exerzitien, und schließlich das priesterliche Apostolat. Sie wird ganz auf die Messe ausgerichtet und unter das Patronat des heiligen Pius X. gestellt sein, des letzten heiliggesprochenen Papstes, des Papstes des Kampfes gegen den Modernismus, ohne Zweifel, vor allem aber des Papstes, dessen erstes Anliegen die Ausbildung der Priester war, welche „die Heiligkeit des Lebens mit der Wissenschaft verbinden“ sollte.

„Was halten Sie davon?“

War die Frage, die er seinen jungen Hörern stellte. Einer antwortet: „Das ist eine Idee, die man weiterverfolgen sollte.“ Und Erzbischof Lefebvre fuhr fort:

„Im Unterschied zu den Ordensleuten legen die Mitglieder der Priesterbruderschaft keine Gelübde ab, sondern gehen einfach Verpflichtungen ein, denn“, sagte er aus seiner Erfahrung als Missionar heraus, „das Gelübde der Armut ist kaum praktikabel in einem apostolischen Leben, das der heutigen Zeit angepasst ist.“

Er hat das Beispiel der „Herren vom Heiligen Geist“ von Claude Poullart des Places vor Augen, die keine Gelübde ablegten, die er früher hatte wiederaufleben lassen wollen, weil viele Spiritaner-Novizen wohl in die Mission gehen wollten, aber nicht geneigt waren, Ordensgelübde abzulegen. Er wusste sehr wohl, was er tun wollte, jedoch bremsten ihn Krankheiten und Schwächen seiner Kandidaten lange Monate hindurch.

Seine Idee reiht sich ganz in die beste Tradition der Kirche ein, jene der hll. Martin und Augustinus, des hl. Vinzenz von Paul und seiner Missionskongregation, des seligen Bartholomäus Holtzhäuser. Das Kirchenrecht (can. 134) empfiehlt „den Brauch des gemeinschaftlichen Lebens der Kleriker“. Marcel Lefebvre verleiht diesem gemeinschaftlichen Leben einfach eine Seele: im Seminar eine halbe Stunde stillen Gebetes vor der morgendlichen Gemeinschaftsmesse, morgens, mittags und abends Gebet eines Teils des Breviers gemeinsam auf Lateinisch, das tägliche Rosenkranzgebet in den Anliegen der Wohltäter, die Stille im Haus zur Förderung des inneren Lebens und des Studiums, eine gewisse Abgeschiedenheit gegenüber Menschen von außerhalb: so ist die Regel. Nach der Zeit im Seminar bleibt diese Lebensweise in den Prioraten erhalten.

Das Priorat

Die Idee Erzbischof Lefebvres erwies sich als genial. Sehr schnell nach den ersten Weihen sind seine Priorate ein Erfolg: Orte der Sammlung, Kristallisationspunkte brüderlichen Lebens, Orte des Studiums und des Gebetes, apostolische Stützpunkte. Meistens leben drei Priester und mehrere Brüder im Priorat, eine Gemeinschaft von Ordensfrauen befindet sich in der Nähe und ist bei materiellen Aufgaben, in der Schule und vor allem durch ihr Leben des Gebetes und der Selbstaufopferung eine Stütze.

Die kirchliche Approbation

Am Allerheiligentag 1970, dem 1. November, errichtet der Bischof von Fribourg die Priesterbruderschaft kanonisch und billigt ihre Statuten.

„Ohne die Zustimmung des Ortsbischofs hätte ich gar nichts getan: alles musste kirchlich sein!“

Die von Erzbischof Lefebvre verfassten Statuten sind dicht und straff, sie sind ein Juwel priesterlicher Spiritualität. Die Tugenden, zu denen die Mitglieder aufgefordert werden, sind

„eine große Liebe zum dreifaltigen Gott, welche ganz natürlich die Jungfräulichkeit und die Armut hervorbringt, die sich im Tragen der Soutane deutlich zeigen.“
 

„Aus eben dieser Gottesliebe gehen die Selbsthingabe und der Gehorsam hervor; sodann die Tugend der Religion; ein beständiges inneres Gebet; das Verlangen, Seelen durch die Demut und die Milde zu retten; die Unterwerfung und der Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten; die Selbstvergessenheit und in der Gemeinschaft ein spontaner Geist des Dienens; die Verehrung der Mutter Gottes.“ Er sagt sogar, dass „unser wahres Fernsehen der Tabernakel ist“.